WIE wir endlich unsere Leidenschaft finden

Jeder von uns hat schon einmal gehört, dass er seine Leidenschaft finden soll. Aber wie geht das eigentlich? Das Vermächtnis zweier Persönlichkeiten hilft uns weiter – der eine brach sein Studium ab und der andere lehrte als Professor in Harvard.

Der Studienabbrecher

Als frisch gebackener Studienabbrecher besuchte Steve Jobs aus reiner Neugier einen Kalligraphie-Kurs. Fasziniert von den unterschiedlichen Typographien war ihm bewusst, dass diese Erfahrung keinerlei Relevanz für seine beruflichen Überlegungen hatte. 10 Jahre später sollte sich das ändern: Beim Design des Macintosh konnte er seine Faszination für Typographie einbringen und entwickelte den ersten Personal Computer mit schönen Schriftarten. Wenn Jobs den Kalligraphie-Kurs nicht zufällig besucht hätte, wäre die Bedienung von Computern heute wohl eine völlig andere. Während einer Rede fasste er das Fundament seiner Lebenseinstellung einmal zusammen: Vieles ergibt in der Gegenwart keinen Sinn, doch rückblickend gesehen, lassen sich die „dots“ immer „connecten“ – darauf zu vertrauen, habe den Unterschied in seinem Leben ausgemacht.

Der Harvard-Professor

Prof. Raymond Vernon war nicht nur an der Entwicklung des Marshall-Plans beteiligt, sondern hat sich in der Betriebswirtschaftslehre mit der Theorie zum Produktlebenszyklus verewigt. Demnach durchläuft ein Produkt die vier Phasen Einführung, Wachstum, Reife und Rückgang bevor es „stirbt“. Da eine gute Theorie bekanntlich das Praktischste ist, was es gibt, lässt sich das Modell auf den Menschen übertragen: Obwohl sich unser Leben alles andere als linear entwickelt und eher einem schwankenden Aktienkurs gleicht, lässt sich jede unserer Lebenserfahrungen einer der vier Phasen zuordnen. Beispielsweise hat jeder von uns schon einmal eine berufliche Herausforderung angenommen (Einführung), aus einer schmerzhaften Erfahrung gelernt (Wachstum), in einer Beziehung Routine erlebt (Reife) oder Rückschläge erlitten (Rückgang).

Wenn wir Steve Jobs vertrauen, dass die Entscheidungen und Erfahrungen unseres Lebens im Nachhinein ihren Sinn ergeben, warum sollten wir warten bis wir alt sind, um den roten Faden unseres Lebens zu erkennen? Warum werfen wir mit Hilfe der vier Produktphasen nicht heute schon einen Blick auf unseren „schwankenden Aktienkurs“, um die „dots“ so früh wie möglich zu „connecten“?

„Architektur ist doch eine brotlose Kunst“

Mit jedem Tag füllen wir das Drehbuch unseres Lebens. Die offensichtlichen „dots“, wie der erste Kuss, die erste Kündigung oder das erste Kind, stehen dort schwarz auf weiß. Aber unsichtbar und unvergesslich steht manches zwischen den Zeilen: Eine vergrabene Erinnerung an den Traumberuf aus Teenagerzeiten, eine als irrelevant abgestempelte Erfahrung im zufällig besuchten Kalligraphie-Kurs oder die besonders prägenden Meinungen der Eltern, Chefs oder Lehrer. Einer meiner Workshop-Teilnehmer zeichnete früher nicht nur gerne Häuser, sondern äußerte gegenüber seinem Klassenlehrer einmal den Wunsch, Architektur zu studieren. Dieser entgegnete: „Architektur ist doch eine brotlose Kunst.“

Es sind „dots“ wie diese, die uns Stück für Stück zu dem Menschen gemacht haben, der wir heute sind. Wenn wir beginnen, diese „dots“ als Bodenschätze zu betrachten, brauchen wir nur noch das richtige Werkzeug, um sie zutage zu fördern – zu glauben, dass derart tiefliegende Erinnerungen auf Kommando ans Tageslicht kommen, wäre naiv. An dieser Stelle kommt der Produktlebenszyklus ins Spiel: Aus den vier Phasen lassen sich Leit- und Reflexionsfragen ableiten, die unsere gesamte Lebenserfahrung abklopfen.

Muster erkennen und Leidenschaft finden

Ziel ist es, wiederkehrende und verwandte „dots“ als Muster zu erkennen. Diese Muster führen uns zu dem, wofür wir als Menschen brennen: unsere Leidenschaft. Im Leben des bereits erwähnten Workshop-Teilnehmers zeichnete sich im Unterschied zu seiner Tätigkeit als Vorstandsassistenz im Versicherungskonzern beispielsweise das Muster „Wohlfühlen“ ab: sein Interesse an den neuesten Einrichtungstrends, sein handwerkliches Repertoire in den eigenen vier Wänden, sein Gespür für außergewöhnlichen Service, sein Gastgeber-Gen und die Freude daran, 15 Freunde mit mehreren Gängen zu bekochen sind ein Auszug seiner „dots“.

Wer seine Leidenschaft noch nicht gefunden hat, spielt Memory mit nur einer Hand – selbst wer die Karte besonders schnell und fleißig auf- und wieder zudeckt, wird nie ein Kartenpaar finden. Wer sich dagegen die „dots“ und Muster seines Lebens bewusstmacht, spielt Memory mit zwei Händen – erst dann verrät der Blick auf die erste aufgedeckte Karte, ob die zweite Memorykarte passt. Das hilft uns, zu erkennen, was wir sind, um es mit dem in Einklang zu bringen, was wir machen. Übrigens: Aus dem Workshop-Teilnehmer wurde zwar kein Architekt, aber ein Immobilienunternehmer – heute hilft er Menschen dabei, sich Zuhause genauso wohlzufühlen wie er.

Dr. Aaron Brückner