Wie viel Jürgen Klopp steckt in Dir als Führungskraft?

15.08.2019  • Blog • 

Nein – dies ist kein Manifest für Motivation und auch keine Brandschrift über flammende Kabinenansprachen. Wer glaubt, dass sich nur mit charismatischem Tschakka Tschakka Menschen führen lassen, geschweige denn die Champions League gewinnen lässt, hat...

…zu viel Zeit auf Motivationsseminaren verbracht und auch keine Ahnung von Fußball. Ohnehin wurde über den „Feelgood-Boss“ Jürgen Klopp zu Genüge geschrieben. Besonders häufig lese ich, dass er ein Menschenfänger sein soll – was sagt er eigentlich selbst dazu?

„Ich bin kein Menschenfänger. Das hört sich so nach Rattenfänger von Hameln an.“

Das hätten wir also geklärt. Aber was ist er dann? Wie tickt dieser Kloppo? Mir sind drei Dinge aufgefallen, die ihn als Mensch, Trainer und schließlich auch als Führungskraft ausmachen.

Er möchte der Trainer sein, den er gerne gehabt hätte

Jürgen Klopp verfolgt mit seinem aktuellen Verein, dem traditionsreichen Liverpool Football Club, eine sportliche Vision – in seiner Antrittsrede sprach er beispielsweise davon, „emotionalen Fußball“ spielen zu wollen. Nun gut, das wollen viele. Viel aussagekräftiger ist sein persönliches Verständnis von seinem Beruf als Fußballtrainer: „Ich habe ganz am Anfang für mich entschieden, der Trainer zu sein, den ich immer gerne gehabt hätte.“ Was für ein Statement!

Ob es bei dem bekennenden Christen Klopp ein Zufall ist, dass diese Auffassung an das biblische Prinzip erinnert, andere so zu behandeln, wie wir von ihnen behandelt werden möchten? In jedem Fall zeigt dieses hehre Motiv, wie reflektiert er seine Arbeit angeht. Es zeigt auch, dass es hier um mehr als Fußball geht. Hier geht es um die subtile Sehnsucht, ein besserer Mensch zu sein. Wenig überraschend, wird dieses missionarische Beziehungsangebot an Nächstenliebe von den englischen Fans erwidert: „In Klopp We Trust“, prangt auf Schals, Shirts und Schildern.

Er ist einer von ihnen

Nach 7 Jahren Mainz und dem zwischenzeitlichen Aufstieg in die 1. Bundesliga folgten 7 Jahre Vollgas-Fußball und die ersten Titel im schwarzgelben Ruhrgebiet. Spätestens nach der Station beim BVB war klar, was der frühere Sportstudent braucht, um sich als Trainer zu entfalten: ein familiäres Arbeitsumfeld, Malocher-Mindset bei den Fans und den Freiraum, das Herz auf der Zunge zu tragen. Mit anderen Worten:

Rustikal schlägt Schickimicki. Kein Wunder, dass er in der Arbeiterstadt Liverpool, in der das Haushaltseinkommen bei der Hälfte des englischen Durchschnitts liegt, sein neues Zuhause gefunden hat.

Obwohl Klopps Einkommen mittlerweile 8-stellig ist, ist er nicht abgehoben – Fußball-Fans haben dafür ein feines Gespür. Die Liverpool-Liebhaber fühlen, dass er immer noch einer von ihnen ist. Das liegt daran, dass er nicht vergessen hat, wie bodenständig er im Schwarzwald aufgewachsen ist. Das liegt daran, dass er erlebt hat, wie es sich anfühlt, alles zu geben, aber nichts zu bekommen. Das liegt daran, dass er sich noch gut daran erinnern kann, wie ihm der Bankautomat im Urlaub in Südfrankreich eine zerschnittene EC-Karte zurückgibt, weil kein Geld mehr auf dem Konto ist.

Jürgen Klopp kann die Lebenswelt seiner Vereinsanhänger nachempfinden. Die Multimillionäre in seinem Team haben bei so viel Haltung jemanden zum Aufblicken – die Multimillionen Fans, die der Club weltweit hat, fühlen sich gesehen.

Er gesteht seine Fehler ein

Durch die WM 2006 gewann Klopp zunehmend an Popularität. Als „TV-Bundestrainer“ im ZDF analysierte er die Spiele der Nationalmannschaft mit viel Witz und noch mehr Wissen. Jedoch schützen auch fachliche Stärke und emotionale Nähe nicht vor Fehltritten: Als sich der schwäbische Sympathieträger beim Champions League Spiel am 13. September 2013 zähnefletschend vor einem 4. Offiziellen in Neapel aufbaute und ihn brüllend bedrohte, waren viele schockiert. Das ist selbstverständlich. Weniger selbstverständlich ist die Art und Weise, wie der Fußballlehrer damit umgegangen ist: einsichtig und ehrlich.

Jürgen Klopp spielt einem nichts vor – es gibt in der polierten Profiwelt des Fußball-Business nur noch wenige Personen, die den Mut haben, sich unter dem medialen Brennglas treu zu bleiben. Sich treu zu bleiben heißt bekanntlich auch, seinen falschen Vorstellungen untreu zu werden: Die englischen Fans kennen Kloppos verrenkten Kiefer nicht von Wutausbrüchen, sondern nur von Jubelposen.

Fazit

Das Manager Magazin schreibt, dass sich Top-Führungskräfte neuerdings um Coachings beim „Motivationsguru“ Klopp reißen – was wollen die da eigentlich lernen? Leidenschaftliche Kabinenansprachen für das nächste Board Meeting? Vielleicht wäre vielen schon geholfen, wenn sie sich bewusst machen, wie man über Jürgen Klopp an seinen alten Wirkungsstätten redet: In Mainz spricht man voller Stolz von „unserem Kloppo“, bei einer Stadionführung durch den Signal Iduna Park heißt es ganz ehrfürchtig, dass „Klopp nie wirklich weg sein wird“ und was wird man wohl erst beim aktuellen Champion League Sieger aus Liverpool sagen? Apropos Top-Führungskraft: Wie willst Du, dass man in Deiner Firma eines Tages über Dich redet?

 

Die „kloppsche Kontrollliste“ – ein Reflexionsangebot für Führungskräfte:

  1. Welche Eigenschaften besitzt die Führungskraft, für die Du gerne arbeiten würdest?
  2. In was für einer Welt lebt der Mensch, der das niedrigste Gehalt Deines Unternehmens verdient? Was bewegt ihn, wovon träumt er, wovor hat dieser Mensch Angst?
  3. Wie bist Du mit Deinem letzten Fehler im Büro umgegangen?

..und noch etwas für die Fußball-Seele:

Quellen:

Jürgen Klopp – die Doku: Wie er aus Zweiflern Gläubige gemacht hat (2019)

Jürgen Klopp – die Seele des Meisters (2016)

Jürgen Klopp SWR-Interview (2019)

Dr. Aaron Brückner