Was heißt eigentlich „Karriere machen“?

01.02.2018  • Blog • 

Manche Gespräche vergesse ich nicht. Als ich auf dem Campus meiner Uni mit einer Kommilitonin über berufliche Schnapsideen sprach, offenbarte sie mir ihr berufliches Ziel: Karriere machen! Aber was heißt das eigentlich?

Manche Gespräche vergesse ich nicht. Auf dem Campus meiner Uni gab es draußen vor der Cafeteria zwei kleine Teiche und mehrere Sitzgelegenheiten im Grünen. Es war ein warmer Tag mitten im Sommersemester und ich quatschte mit einer Kommilitonin über berufliche Schnapsideen. Während wir uns ein Stück Käsekuchen teilten, wurde sie auf einmal ernst und sagte: „Aaron, ich möchte Karriere machen.“

Meine Erinnerung endet an dieser Stelle. Ich weiß nicht mehr, wie ich reagierte und habe vergessen, wie die Unterhaltung mit ihr weiterging. Ich erinnere mich nur daran, dass ich als 22-jähriger Bachelor-Student nicht wusste, was sie damit meinte, obwohl ich selbst „Karriere machen“ wollte.

Karriere im umgangssprachlichen Sinn

Wer mir heute sagt, dass er „Karriere machen möchte“, muss damit rechnen, dass ich neugierig nachfrage, was damit konkret gemeint ist. Die Reaktionen lassen sich in zwei Lager aufteilen:

  1. Die Person stolpert über die Rückfrage und kommt ins Grübeln.
  2. Die Person zeichnet ein mehr oder weniger scharfes Zukunftsbild, bei dem es häufig um berufliche Führungspositionen, materiellen Wohlstand und gesellschaftliche Anerkennung geht. So habe ich das früher auch gemacht, bis ich mich als pragmatischer Mensch gefragt habe: Wann weiß ich denn dann, dass ich Karriere gemacht habe? Welche Führungsposition entspricht dem Gütekriterium meiner Karriere: die Business Unit Leitung im Großkonzern, die Vorstandsebene in einem KMU oder die Verantwortung als Selbstständiger? Ab wie vielen Autos, Häusern und Booten überschreite ich die „wohlhabende“ Ziellinie? Wie viele und vor allem welche Erwartungen anderer Menschen muss ich erfüllen, um die kritische Masse der gesellschaftlichen Anerkennung zu erreichen?

Ich werde das Gefühl nicht los, dass „Karriere machen“ ein oberflächlicher aber gesellschaftlich akzeptierter Erklärungsversuch ist, sich eine Identität zu erschaffen, ohne eine Identität zu haben. Dabei ist unsere Karriere etwas sehr Persönliches: Sie beschreibt die berufliche Laufbahn unseres einzigen Lebens, in die wir einen Großteil unserer Lebenszeit investieren. Würde es sich nicht gerade hier lohnen, über das Reservoir unserer Motivation und die Perspektive persönlicher Entfaltung zu reflektieren?

Vorschlag: Eine neue Definition von Karriere

Ich möchte immer noch Karriere machen. Das hat sich nicht geändert. Was sich geändert hat, ist meine Definition von „Karriere“. Denn Karriere ist für mich mehr als ein Synonym für schablonenartigen sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg, bei dem ich mein Lebensglück von einer speziellen Führungsposition, materiellen Besitztümern oder gesellschaftlicher Anerkennung abhängig mache.

Karriere ist kein Ziel, sondern ein Weg. Meine heutige Definition: Wenn ich das, was ich bin, mit dem, was ich mache, in Einklang bringe, mache ich Karriere. Dies ist ein Schritt von innen nach außen: Nur wenn ich mir meiner Fähigkeiten bewusstwerde, kann ich mich beruflich entfalten. Nur wenn ich mir selbst treu bin, gelingt mir eine Karriere, die mich tatsächlich erfüllt.

Aber was bin ich?

Diese Frage erfordert eine ehrliche Reflexion. Bei mir wurde diese vor einigen Jahren durch einen befreundeten Unternehmer angestoßen. Er war für mich der Inbegriff des Lebensglücks. Als ich nach seinem Geheimnis fragte, antwortete er: „Wenn du für etwas hart arbeitest, das du nicht liebst, dann hast du Stress. Wenn du aber für etwas hart arbeitest, das du liebst, dann ist das Leidenschaft. Also, was liebst du? Oder was würdest du am liebsten den ganzen Tag machen?“ Manche Gespräche vergesse ich einfach nicht.

Dr. Aaron Brückner