Was die Generation Y mal ihre Großeltern fragen sollte

05.09.2019  • Blog • 

Mein Großvater hat selten vom Krieg erzählt. Aber wenn, dann hat er sich meistens an den Hürtgenwald erinnert. Zwei Erlebnisse haben bei ihm besonders tiefe Spuren hinterlassen - die Generation Y sollte genau zuhören...

Mein Großvater hat selten vom Krieg erzählt. Aber wenn, dann hat er sich meistens an den Hürtgenwald erinnert – dem südlich von Aachen gelegenen Waldgebiet in der Nordeifel. Heute bieten die ausgedehnten Waldflächen und menschenarmen Täler ein idyllisches Reservoir an Ruhe und Erholung – 1944 spielte sich dort eine der schwersten und verlustreichsten Schlachten ab, welche die US-Armee auf dem westeuropäischen Kriegsschauplatz bestehen musste. „Hürtgenwald“ hat in den USA einen ähnlichen Klang wie „Stalingrad“ in Deutschland.

„Wir bekamen viel personellen Nachschub. Aber ich dachte, es wäre wohl einfacher, sie gleich dort, wo man sie auslud, zu erschießen, anstatt dass man später versuchen musste, sie von dort zurückzuholen, wo sie getötet worden waren.“
Ernest Hemingway, Kriegsberichterstatter im Hürtgenwald 1944

Spuren in der Seele

Als Wehrmachtsoffizier und Sturmpionier war mein Großvater am Frankreichfeldzug beteiligt, überquerte auf Pontonbrücken umkämpfte russische Flüsse und war in die Eroberung der Festung von Sewastopol auf der Krim involviert. In den Hürtgenwald marschierte er mit seinem 900 bis 1.000 Mann starken Bataillon – nach 3 Wochen waren noch 45 Mann übrig. Als wir als Familie begannen, seine Erfahrungen auf einem Tonband aufzuzeichnen, stellte sich schnell heraus, dass zwei Erlebnisse besonders tiefe Spuren hinterlassen hatten:

  1. Im Krieg war die Tätigkeit der Melder äußerst gefährlich, da sie ständig den Gefechtsstand verlassen mussten, um im unwägbaren Gelände die beschädigten Verbindungen zu reparieren. Obwohl es meinem Großvater immer wieder schwerfiel, seine jungen Melder rauszuschicken, war er als Bataillonsführer auf sie angewiesen. Wenn sie heil zurückkamen, „packte er sie in Watte wie ein Vater seine Söhne“. Das Bild seines 17-jährigen Melders, der vor seinen Augen von einer Mine zerfetzt wurde, hat ihn bis an sein Lebensende und bis in die letzten Winkel seiner Träume verfolgt.
  2. Zusätzlich zu solchen seelischen Verwundungen zermürbten Dauerregen und Kälte die Soldaten auf beiden Seiten – ein wärmendes Feuer anzuzünden, wäre Selbstmord gewesen. Von Seiten der Amerikaner ist überliefert, dass viele GIs mit Selbstverstümmelung, Suizidversuchen und Fahnenflucht reagierten. Während eines 19 Stunden (!) andauernden Feuerschlages der Amerikaner hielt es auch mein Großvater nicht mehr aus – er verließ seinen Gefechtsstand, ging auf eine nahegelegene Anhöhe und zog sich den Stahlhelm ab. Während er auf den Tod wartete, verstummte plötzlich der Gefechtslärm – seit diesem Moment war mein Großvater ein gläubiger Mann.

Spuren im Leben

Kurz vor Kriegsende heiratete er und gründete eine Familie. Als in Deutschland die Waffen endlich schwiegen, begann er zunächst als Lithograf zu arbeiten, bevor er sich beim aufkommenden kalten Krieg der Bundeswehr verpflichtet fühlte. Nach seiner Pensionierung leitete er als Lektor in der evangelischen Kirche Gottesdienste, erlebte zehn Enkelkinder und zog noch mit 96 Jahren seinen Frühsport eisern durch – in seinem 98. Lebensjahr verstarb mein Großvater.

Bei einem Besuch ein Jahr vor seinem Tod sprach ich mit ihm über meine ersten beruflichen Gehversuche als selbstständiger Unternehmensberater – den Entwurf und die Ziele meines Lebens hatte ich erst am Abend vorher auf einem Vision-Board über meinem Schreibtisch visualisiert. Ich offenbarte ihm, dass ich langfristig meine Leidenschaft zum Beruf machen möchte und fragte ihn, was denn seine Leidenschaft gewesen sei. Er hielt inne. Dann blickte er mich ernst an und antwortete: „Meine Leidenschaft? Wir mussten überleben. Später musste ich meine Familie versorgen.“

Spuren in meiner Generation

Laut Studien ist die Mehrheit der Generation Y überdurchschnittlich gestresst und fühlt sich unwohl in ihrem Job. Was in aller Welt?! Ich möchte keinesfalls pietätlos wirken, aber wem es an positiver Perspektive für sein Leben mangelt, dem empfehle ich unsere Großelterngeneration als Ansprechpartner – möglicherweise wird so das ein oder andere „Problem“ in ein gesundes Verhältnis gerückt.

Denn während unsere Großeltern nur überleben wollten, haben wir vor lauter Möglichkeiten Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Lasst uns mutiger sein! Während unsere Großeltern verfolgt wurden, sorgen wir uns um die zu geringe Anzahl unser Follower auf Social Media. Lasst uns dankbarer sein! Während unsere Großeltern Tod, Hunger und Not trotzten, geben wir beim ersten Gegenwind unser Konzept, unsere Idee oder unsere Überzeugung auf. Lasst uns beharrlicher sein! Und besonders wichtig: Wenn wir Projekte starten und Jobs ausprobieren, um das zu finden, was sich rund anfühlt, drückt sich darin nicht unsere Unzulänglichkeit aus. Nach unserer Leidenschaft suchen zu dürfen – das ist das wahre Geschenk unserer Generation. Deswegen kann ich es kaum erwarten, meinen Enkelkindern eines Tages von meiner Leidenschaft zu erzählen…

Dr. Aaron Brückner