Zwei Lebensweisheiten des KZ-Überlebenden Viktor Frankl

28.08.2018  • Blog • 

Viktor Frankl hätte 1941 rechtzeitig fliehen können, aber er wollte seine Eltern nicht im Stich lassen. Er überlebte vier Konzentrationslager. Sein Schicksal berührt - seine Haltung beeindruckt. Ich versuche herauszufinden, was ich von ihm lernen kann, um ein sinnvolles Leben zu führen.

Freud, Fromm und Frankl – die wohl berühmtesten Seelenärzte der vergangenen Jahrhunderte überbieten sich in wissenschaftlichen Errungenschaften und akademischen Anerkennungen. Einer von ihnen blickte auf einen besonders bewegenden Werdegang zurück. Der Österreicher Viktor Frankl war jüdischer Abstammung und seit 1930 bereits ein renommierter Psychologe Wiens. 1941 verzichtete er auf ein Visum in die USA, um seine Eltern nicht im Stich zu lassen. 1942 wurden sie ins Ghetto Theresienstadt deportiert, Frankl verlor seine Frau, seine Eltern und seinen Bruder in den Gaskammern der Nazis und überlebte schließlich vier Konzentrationslager. In dem Buchtitel seines bekanntesten und 1946 erschienenen Werkes „…trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ manifestiert sich seine beeindruckende Lebensphilosophie – was kann ich von ihm lernen?

Was mir niemand nehmen kann

Eine seiner zentralen Erfahrungen ist, dass dem Menschen alles genommen werden kann, bis auf eines: die persönliche Entscheidungsfreiheit, „sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen“. Frankls Berichte sind ergreifend, wenn er davon erzählt, wie dem KZ-Insassen neben Hoffnung und Würde auch das letzte Hab und Gut, die Angehörigen und selbst die Körperbehaarung genommen wird. Und doch ist seine Geschichte der Beweis dafür, dass auch das schlimmste Leiden einen Sinn hat und jeder bis zum letzten Atemzug Gelegenheit hat, sein Leben sinnvoll zu gestalten: „Gerade eine außergewöhnlich schwierige äußere Situation gibt dem Menschen Gelegenheit, innerlich über sich selbst hinauszuwachsen.“

Während Viktor Frank im dunklen Dreck eines Konzentrationslagers noch stündlich Gelegenheiten fand, das Beste aus seinem Leben zu machen, ärgere ich mich über einen Fleck auf meiner neuen Hose. Ich muss feststellen, dass ich gar nicht weiß, was Leiden bedeutet. Jedoch lehrt mich Frankls Leiden die Haltung, dass ich mich – egal, was ich erlebe oder mir zustößt – jeden Tag aufs Neue entscheiden kann, ob ich zum Spielball meiner äußeren Bedingungen werde oder nicht.

Was ich mir bewusst machen sollte

Die tägliche Entscheidung, sein Leben sinnvoll zu gestalten, bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Schon 1977 schreibt Frankl von einer „affluent society“ und meint die allgegenwärtige Reizüberflutung der Massenmedien – neudeutsch „fake news“ – die wir nur überstehen, „wenn wir unterscheiden lernen, was wesentlich ist und was nicht, was Sinn hat und was nicht, was sich verantworten lässt und was nicht“.

Als Sinn stiftende Orientierung, um Verantwortung zu übernehmen, teilt Frankl eine scharfe Beobachtung mit: „In Zeiten der Überflussgesellschaft hatten die meisten Leute genug, wovon sie leben konnten. Aber viele Menschen wussten nichts, wofür sie hätten leben können.“ Heute ist dies aktueller denn je. Nicht ohne Grund avancierte das 2011 erschiene Buch „Start with Why“ von Simon Sinek, einem amerikanischen Motivationsredner, zum Bestseller.

Was ich daraus lerne

Viktor Frankls Umgang mit seinem Schicksal ist für mich bedingungslos beeindruckend. Gegen das ihm widerfahrene Leid ist mein Leben ein idyllischer Ponyhof und ich habe zu keinem Zeitpunkt einen Grund, mich über Personen oder Probleme zu beschweren. Mag ein einschneidendes Erlebnis noch so schlimm für mich gewesen sein, nichts in meinem Leben kommt dem körperlichen und seelischen Abgrund in einem KZ und dem Überlebenskampf als Jude im dritten Reich auch nur im Ansatz nahe. Dieser Referenzpunkt mag radikal wirken, lehrt mich aber, gelassener zu sein und die Irrungen und Wirrungen meines Schicksals leichter zu akzeptieren.

Eine Haltung ohne entsprechendes Handeln ist wertlos. Deswegen nehme ich mir den Aufruf, Sinn in meiner Tätigkeit zu finden, zu Herzen. Eingehend habe ich mich mit meinem magnetischen Nordpol beschäftigt, also der Frage: Wofür lebe ich?

Ich unternahm eine innere Entdeckungsreise und wanderte von Viktor Frankl über meine damalige Tätigkeit als Unternehmensberater zu Erinnerungen aus meiner Schulzeit und Kindheit. Ich zerlegte meinen Lebenslauf, erkannte einen sinnvollen Zusammenhang zwischen vermeintlich widersprüchlichen Stationen und stolperte schließlich über wiederkehrende Elemente und besonders prägende Muster meiner Persönlichkeit. Mit anderen Worten: Ich fand den roten Faden meines Lebens. Meine Lebenshypothese war geboren: Ich lebe, um meiner DNA Ausdruck zu verleihen. Wenn ich meinem roten Faden folge und das, was ich bin, mit dem, was ich mache, in Einklang bringe, gestalte ich ein sinnvolles Leben.

Dr. Aaron Brückner