Wie sich Reinhold Messner motiviert

Reinhold Messner prägte im Höhenbergsteigen einen neuen Stil und brach heilige Tabus der Kletterwelt. Wie konnte er sich dazu motivieren, ohne Flaschensauerstoff, ohne Infrastruktur einer wochenlangen Expedition und ohne Fixseile und aufwendige Ausrüstung auf alle Achttausender zu steigen?

1978 gelang es Reinhold Messner mit einem Weggefährten, als erste Menschen überhaupt, ohne die Verwendung von Sauerstoff den höchsten Gipfel der Erde, den Mount Everest mit 8890m, zu erklimmen. Während dieses Aufstieges fasste er einen ungewöhnlichen Entschluss, für den er seine ganze Begeisterung, alle seine Ressourcen und vor allem seine Zeit benötigen würde: eine Solo-Besteigung des Everest in seinem Stil!

Zurück am Everest

Zwei Jahre später, im August 1980, befand sich Messner wieder am Everest. Viele Wochen akklimatisierte er sich im Basislager und wartete auf einen günstigen Zeitpunkt. Das dauerte, denn er hatte sich die Monsunzeit ausgesucht und die Hänge waren in dieser gefährlichen Zeit besonders „lawinenschwanger“. Endlich, nach zwei Monaten Wartezeit, wurde das Wetter besser – der Zeitpunkt, Geschichte zu schreiben, war gekommen.

Um Mitternacht des 18. Augustes begann Messner, ausgerüstet mit einem 20kg schweren Rucksack, den Aufstieg. Das erste große Hindernis war eine Gletscherspalte. Das war gefährlich, denn eine Kletterregel besagt: Niemals alleine über eine Gletscherspalte steigen! Messner wusste das. Messner wusste aber auch, dass es in der Natur einer Solo-Besteigung liegt, niemanden dabei zu haben, der einen absichern kann. Er musste es also wagen. Er suchte sich eine passende mit Schnee überdeckte Stelle, die nur 1m breit war und versuchte, auf der anderen Seite Fuß zu fassen. Gerade in dem Moment, als er seinen Pickel einschlagen wollte und sein ganzes Gewicht verlagerte, stürzte er durch die Schneedecke ins Bodenlose.

Er schlug hart auf. 8m war er gefallen. Als der Schock überwunden war, stellte er fest, dass er sich nichts gebrochen hatte. Glück gehabt! Trotzdem saß er wie ein Häufchen Elend in der eisigen Kälte. Zu allem Überfluss war seine Stirnlampe kaputtgegangen. Stockduster und mit zittrigen Fingern fummelte er eine halbe Stunde herum, bis seine Lampe repariert war. Da realisierte er sein Desaster: Durch das Loch in der Schneedecke 8m über ihm konnte er die Sterne erspähen und durch den zusätzlichen Lichtschein seiner Lampe erkannte er, dass die Gletscherspalte A-förmig verlief. Die Wände waren unten über 2m voneinander entfernt. Es war also unmöglich, sich mit Armen und Beinen gegen die Wände zu drücken und so mit Hilfe der Spreiztechnik die Gletscherspalte zu verlassen. Sein Entschluss stand fest: „Wenn ich hier rauskomme, geht es ab nach Hause!“

Auf Umwegen nach Hause

Messner kämpfte sich die Gletscherspalte entlang und fand nach ca. 80m tatsächlich einen Ausweg. Mit großem Glück gelangte er plötzlich an die Oberfläche. Er war gerettet! Dann geschah etwas Merkwürdiges: Trotz des festen Entschlusses abzusteigen, ging er wie von selbst weiter den Berg hinauf. Messner sieht ein, dass das für einen Außenstehenden rational nicht nachzuvollziehen ist – aber er hat eine Erklärung:

Seit seiner Entscheidung im Mai 1978, den Everest alleine in seinem Stil zu besteigen, waren über zwei Jahre vergangen. Kein Tag der Vorbereitung verging, an dem er nicht über das Vorhaben nachdachte: „Was mache ich, wenn …? Was nehme ich mit? Noch wichtiger: Was nehme ich nicht mit?“ Rückblickend sagt er: „Ich bin über 700 Tage jeden Abend mit der Idee eingeschlafen und jeden Morgen aufgewacht. Dadurch ist mir viel Motivation zugeflossen.“ Er stellt fest, dass die über 700 Tage lang angesammelte Motivation schlichtweg stärker war, als der Entschluss in der Notlage. „Motivation fällt nicht vom Himmel, wir bekommen sie nicht geschenkt und können sie auch nicht kaufen“, betont er, „Motivation entsteht, wenn wir uns mit einer Sache identifizieren und ganz bei dieser Sache bleiben. Wer wirklich große Ziele erreichen möchte, muss es wagen, ganz bei seiner Sache zu sein.“

Am 20. August 1980, zwei Tage nach dem Sturz ins Bodenlose, erfüllte sich Reinhold Messner seinen Traum und stand als erster Mensch ohne Sauerstoffflasche ganz alleine auf dem Gipfel des höchsten Berges der Erde.


„Am Lebensende kommt es nicht darauf an, was wir haben, was wir hinterlassen. Es kommt darauf an, was wir gemacht, was wir erlebt haben.“
– Reinhold Messner


1) Die Erzählungen gehen auf einen Vortrag von Reinhold Messner auf dem Unternehmertag 2016 der Investmentfirma Mountain Partners zurück. Abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=EH3xNxvajD8&ab_channel=MountainPartners

Dr. Aaron Brückner